Gesellschaft Helvetia - Hungaria

Reise ins Csángó - Land

Bericht über die Reise vom 6.-13. Mai 2009 ins Csángóland - Moldau - Rumänien

Die Gesellschaft Helvetia-Hungaria unterstützt seit 2008 das Projekt „Haus der Kinder“ in Külsörekecsin/Rumänien, und die Sektion Zürich der Helvetia-Hungaria ermöglicht mit jährlich CHF 4'000 das Projekt Csángó-Sozial. Aus dieser Situation ist das Interesse gewachsen, in einer „fact finding mission“ eine Reise vor Ort mit 7 Personen unter der Leitung von Peter Guha zu organisieren. Unser wichtigster Gesprächspartner war Adrian Solomon, Präsident des 1990 gegründeten Vereins der Csángó (Tschango)-Ungarn in der Moldau, der die Interessen der Csángó-Bevölkerung vertritt.

Die Fahrt mit einem VW-Minibus vom Flughafen Bukarest bis Bákó (Bacau), Hauptstadt des Komitates, wo die meisten der ca 250'000 Csángós in kleinen Dörfern zerstreut unter der rumänischen Bevölkerung leben, dauerte gute 6 Stunden und brachte uns ins Hotel Dumbrava, das westlichem Standard entspricht.

Unser erster Besuch am nächsten Tag galt der Vereinszentrale, untergebracht auf engem Raum in der Parterrewohnung eines Plattenbaus. Wir lernten den Verantwortlichen für die Kinderhäuser, den Büroleiter, den Projektleiter für Csángó-Sozial, die Buchhalterin und andere Mitarbeitende kennen, die uns über Ziele, Wünsche und Schwierigkeiten ihrer Arbeit und ihrer Organisation berichteten. Wir prüften Verträge und Abrechnungen „unseres“ Hauses der Kinder in Külsörekecsin, haben auf alle Fragen plausible und mit Unterlagen belegte Antworten erhalten und uns über die freundschaftliche Stimmung, die professionellen Strukturen und das grosse Engagement gefreut.

Unser Hauptinteresse galt aber der Arbeit mit Kindern, die durch Erlernen ihrer Muttersprache die Voraussetzung erhalten, um in der rumänischen Schule erfolgreich zu bestehen. Zuerst sollen sie ungarisch Lesen und Schreiben lernen und darauf aufbauend sich Fremdsprachen (rumänisch etc.) aneignen können. Unsere Motivation heisst: Armuts- und Rückständigkeits-Bekämpfung durch Bildung. Vor Ort heisst dies Pflege der Tradition.

In den „Häuser für Kinder“ können alle Altersstufen zeichnen, lesen, spielen, singen, tanzen, Geschichten hören und einfach da sein. Ausser der Zustimmung der Eltern wird von ihnen keine Leistung verlangt, was ein geschickter Schachzug des Csángóvereins ist. Die Schulräume sind teils alte Wohnhäuser, mit einfachsten Mitteln (gestampften Lehmziegeln) um ein Zimmer erweitert, teils hübsche alte Anwesen, die mit Sorgfalt restauriert und fröhlich bemalt wurden. Häufig gehört ein grosser grasbewachsener Garten zum Spielen dazu. Sie strahlen eine herzliche Atmosphäre aus, die wohl für die allermeisten Kinder und Jugendlichen neu und beglückend ist. Die Lehrer und Lehrerinnen stammen aus Siebenbürgen, teils aus Ungarn und in seltenen Fällen auch aus der Moldau. Sie wohnen dort, wo sie arbeiten und versuchen, sich in die Dorfgemeinschaft einzubringen. Der Verein ist für die Kontinuität der Tätigkeit, die Häuser und die Löhne verantwortlich. Er finanziert sich aus Spenden und Zuwendung des ungarischen Staates, privaten Quellen und in einem Fall der rumänischen Schulbehörden.

Dank der Resolution des Europaparlamentes vom April 2005 sind die Csángós in Rumänien jetzt eine schützenswerte Minderheit. Die Kinder haben Anrecht auf vier Stunden ungarischen Unterricht pro Woche in der rumänischen Schule. Nach rumänischer Lesart ist dies aber keine schulische Verpflichtung, sondern ein passives Recht, das neu von staatlicher Seite nicht mehr bekämpft wird. Nur in Lészped, einer nüchternen, rumänischen Volksschule für 450 Kinder, haben wir diese Forderung sauber verwirklicht gesehen. Dort wird der junge Ungarisch Lehrer von der rumänischen Schulleitung wie ein Fachlehrer bezahlt, hat ein grosses ungarisch geschmücktes Klassenzimmer zur Verfügung und unterrichtet die Kinder gruppenweise und altersgemäss. 23 Schüler zwischen 8 und 12 Jahren sassen brav, fleissig und diszipliniert in den Bänken.

In Buda stand eine dicke „Néni“ unter ganz Kleinen, die sie nachmittags – ausserhalb der rumänischen Strukturen – beschäftigt in einer Art Kindergarten, um ihnen ungarisch beizubringen. Mit Stolz erzählt die Lehrerin, dass auch rumänische Kinder kommen wollen, weil es bei ihr so schön sei. In Trunk sahen wir vier scheue Teenager-Mädchen über ein Geschichtenbuch gebeugt, das Peter Guha sehr kritisch beurteilte, und aus dem sie mit Mühe ungarisch lasen. In Dioszén hingegen empfing uns ein junges Ehepaar aus Siebenbürgen, das sehr engagiert und mit grossem Erfolg in einem behelfsmässig renovierten Haus einen Ort der Freiheit für die ungarischen Kinder und Jugendlichen im Dorf einrichtete und grossen Wert legt auf ihre eigene Integration im rumänischen Umfeld.

Külsörekecsin ist ein langes Dorf am Hang, am Ende eines kleinen Tales, von Wald und Wiesen umgeben, das einen rückständigen Eindruck macht. Dort steht in der oberen Dorfhälfte „unser“ Haus unweit der Kirche im Rohbau fertig. Es sieht vielversprechend aus trotz der provisorisch mit Plastik verhängten Fensterlöcher. Der Plan umfasst ebenerdig einen grossen, hellen, unterteilbaren Raum, neben Eingangsbereich, WC und zwei kleineren Arbeitszimmern. Durch eine Aussentreppe gelangt man in den teils abgeschrägten Dachstock, wo die Lehrerwohnung, zwei Gastzimmer mit Nasszelle und noch ein weiteres Unterrichtszimmer untergebracht sind. Bevor wir den Neubau gründlicher unter die Lupe nehmen, stossen wir im zu gemieteten Provisorium auf besonders liebevoll verspielte Räumlichkeiten, wo Papierschmetterlinge von der Decke und Zeichnungen an den Wänden hängen, wo es Musikinstrumente und Bilderbücher gibt und eine lachende junge Lehrerin. Das kann nur gut kommen!

Wir lernen auch Levente den künftigen Lehrer des neuen Hauses kennen. Er spricht ziemlich fliessend englisch, hat ein Diplom als Ökonom, arbeitete mehrere Jahre in Budapest und ist aus Solidarität bereit, hier zu leben. Seine junge Frau stammt vom Ort, ist allerdings wegen ihrer Abschlussprüfungen an der Uni Pécs nicht zu sehen. Mit den CHF 64’700 der Vontobel-Stiftung, die uns zugesagt worden sind, kann der Innenausbau jetzt zügig an die Hand genommen werden. Die Freude ist gross – auch bei uns!

Beim Spaziergang zurück zum Auto, auf der holprigen Dorfstrasse, treffen wir ein Fuhrwerk, das von einer Kuh gezogen und einer Bäuerin geführt wird. Wir werden in einen Hof eingeladen zu einem Gläschen Schnaps zwischen Enten, Hühnern, einem Mutterschwein mit unzähligen Ferkeln, werfen einen Blick ins Haus, das wir wegen unserer kotigen Schuhe nicht betreten wollen, und freuen uns über die Gastfreundschaft und die altertümliche Sprache. Fliessendes Wasser gibt es hier nicht in den Bauernhäusern, der Brunnen steht auf der Strasse, allenfalls im Hof, und das WC ist ein Holzhäuschen hinter dem Stall. Auch Kanalisation ist ein Fremdwort. Gekocht wird auf dem Holz Herd neben dem Kachelofen und im Sommer draussen. Elektrizität ist vorhanden, auch Fernsehen, aber die Räume sind klein und dunkel. Kein einfaches Leben und doch sind die vielen Kinder auf den Strassen sauber und adrett gekleidet.

In Csik treffen wir eine bestandene Lehrerin aus Eger/Ungarn, die mit einer Praktikantin aus der Gegend die Schule straff führt und sich besonders für die Webkunst interessiert. Das alte Haus gehört dem Verein. In Lábnyik sehen wir dann das erste neu erbaute Haus der Kinder aus dem Jahre 2007. Es ist der Stolz des ganzen Dorfes und eine Art Kulturzentrum, auch abendlicher Treffpunkt für die Jugendlichen. Bis im Sommer soll der grosse Garten mit vier Holzhäusern aus Holland zum Schullager erweitert werden. Nebst Computern gibt es einen Filmprojektor und Tonwiedergabegerät. Hier sehen die Kinder auch eine moderne Küche und ein englisches WC! In Magyarfalu erwartet uns ein entzückendes Häuschen mit grossem Garten und eine in Trachten gekleidete Kinder-Sing- und -Tanzgruppe, die fröhlich und aufgeweckt ihre Künste zum Besten gibt. Auch die angesäuerte Hühnersuppe schmeckt hervorragend.

Nach einem ganztägigen Ausflug zu den berühmten, orthodoxen Klöstern von Humor, Voronet und Moldovita in der Bukowina verbringen wir dann den Sonntag in Pusztina. Hier steht seit ca. zwei Jahren eine neue Schule, wie es sich der Csángóverein für jedes Dorf wünscht. Eine Lehrerin und ein Kunstmaler betreiben das in frischen Farben gehaltene neue Haus, das uns allen gefällt, weil die Proportionen, die Lichtführung und die Innenausstattung aus Holz so einladend und gelungen sind. Da können sich Kinder entfalten. Allerdings haben Fachleute in unserer Gruppe auch kleine bauliche Mängel festgestellt, die der Sanierung harren.

Die von uns anschliessend besuchte Messe wird – wie überall in der Moldau –auf rumänisch gehalten, obwohl das ganze Dorf (und auch der Priester) ungarisch spricht. Wir essen im Hof einer Ethnologin, die uns mit Stolz ihr Doktorat aus Budapest zeigt und ihre Sammlungen von Stickereien und Gewebtem. Sie lebt mit ihrer alten Mutter, einer bekannten Liedersängerin, die uns alte Csángólieder vorsingt. Die weitgereiste Tochter möchte gerne die patriarchalen Strukturen etwas aufbrechen und an einem Gymnasium oder sonst wo unterrichten. Sie betreibt eine Stiftung, ein wenig Gruppentourismus und lebt auch vom Weben. Der Boden hier ist für Feminismus und Frauenpower steinhart, obwohl die Frauen das Rückgrat der Gesellschaft sind.

Gegen Abend – bei heftigem Gewitter – treffen wir in Frumósza ein. Es ist ein alter Gutshof, der beinahe zusammenbricht und einen vernachlässigten Eindruck macht. Aber die kleinwüchsige, körperbehinderte Journalistin, die hier Schule betreibt, ist so feinfühlig und verständnisvoll, dass wir das staubige Strassendorf mit einem rumänischen, einem ungarischen und einem zigeunerischen Teil, neben dem bedrohlichen Fluss gelegen, fast schon sympathisch finden.

Unsere Fahrt nach Bukarest führt uns über die Karpaten nach Gyimes, zur alten ungarischen Landesgrenze, dann nach Gyimes - Felsölok zu Pater Berszán’s Szent Erzsébet - Gimnázium für 350 Kinder, nach der Wende aus dem Boden gestampft. Es ist kalt zum Zähneklappern. Abends sind wir in Csikszereda und werden von der Csibész  -Alapitvány im Fodor - Haus empfangen, das hell und freundlich ist und von Pater István Gergely geleitet wird, der Kinder (Waisen, Halbwaisen und sozial Vernachlässigte) sammelt und ihnen Unterkunft und Schulung gibt. Wir schauen Häuser an, reden mit den Jugendlichen zwischen 8 und 18, die alle mithelfen und mitverantwortlich sind. Es gibt auch ein Haus für ledige Mütter und ihre Kinder, nur mit Aufklärung hapert es. Hier wird moderne Sozialarbeit dank Geld aus der ungarischen Diaspora geleistet. Csiksomlyó als Ort ist weltbekannt durch die barocke Wallfahrtskirche mit der wundertätigen Mariastatue und der Pfingstwallfahrt, wo neben Hunderttausenden Ungarn immer auch eine grosse Zahl von Csángós teilnehmen.

Die Lage für die Ungarn ist in Siebenbürgen unvergleichlich besser als in der Moldau. Hier haben sie ungarische Schulen, Kirchen, medizinische Betreuung, weil sie viel zahlreicher sind. Auch scheint die Bevölkerung weniger arm zu sein, die Felder werden mit Maschinen bebaut. Hier gibt es ein Grundbuch und Zugangsstrassen zu den Äckern. Auf der Durchfahrt sehen wir Sóskútfürdö, eine hübsche Schwefelquelle zum Baden und Trinken, wir kommen zur Höhe von Nyergestetö, einer Székely-Gedenkstätte an die letzte verlorene Schlacht im Jahre 1848, voll von einfachen Kreuzen und kunstvollen Kopjafák, wo Pater István Gergely der zufällig anwesenden Gymnasialklasse aus Budapest eine improvisierte, aber ausserordentlich charismatische Andacht hielt. In Kézdivásárhely, einer typischen k.u.k.- Stadt, schauen wir uns um und besuchen danach in Csikbánfalva die Wehrkirche aus dem 14. Jahrhundert, wo der Plébános uns zu einem Glas Wein in die riesengrosse Pfarrei einlädt, die er allein bewohnt. Am nächsten Morgen müssen wir um 7 Uhr abfahren, um mittags am Flughafen in Bukarest zu sein, die Strassen sind verstopft und in den Karpaten sehr gewunden. Die vielen Eindrücke dieser Reise – insbesondere die emotional bereichernden Begegnungen mit diesen offenherzigen und gastfreundlichen Menschen - werden uns lange begleiten.

Martine Szöllösy       Peter J. Guha

Pfaffhausen, den 31. Mai 2009

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Reise Csángóland 3 Reise Csángóland 4

Aktuelle Projekte

Aktuell im 2017:

- 2017 Februar: Spende für die Romasiedlung in Beregszász / Ukraine

- 2017 April: Transport nach Szeged

- 2017 Mai: Dankesbrief (ungarisch) 

 

Jahresberichte 2016:

- Jahresbericht Dachverband

- Jahresbericht NW

- Jahresbericht Lémanique

- Jahresbericht Fribourg

 

Aktuell im 2016:

- Tierschutzprojekt - Pferderettung in Ungarn

- "Topic RUR-06-2016  

- Kleidertransporte nach Szeged und Őrhegy

- Holzlieferung nach Kerecseny

- Hilfsgütertransport nach Sárszentmihály

- Jubiläumsveranstaltung 25 Jahre GHH

- Unterstützung der Waisen in Somogysárd

- Bach Konzertreihe im Mai mit ungarischen Musiker in Lutry

 

Aktuell im 2015:

Dank Spenden konnten wir Geld überweisen:

- nach Szeged, um den Flüchtlingsnot und den Not der dortigen Bevölkerung zu lindern

- nach Ásotthalom für die medizinische Hilfe der Flüchtlinge    

- für die ungarische Bevölkerung, deren Felder und Ernte durch den Flüchtlingsstrom zerstört wurden   

- für Familien in der Ukraine/Kárpátalja, die vom russisch-ukrainischen Krieg betroffen sind   

- in die Ukraine, nach Nagydobrony für das ungarische reformierte Liceum    

- der Behindertenheim Nefelejcs in Zonctornya / Turen in der Slowakei 

finanziell unterstützten wir am Ungarnhaustag in Zürich die Jugentanzgruppe "Szuszékdöngetők" aus Siebenbürgen    

und ausserdem schickten wir    

- Weihnachtspäckli nach Szeged und Tiszaladány in Ungarn    

- 3x Hilfsgütertransporte nach Sárszentmihály in Ungarn    

- Feuerwehrausrüstung für die freiwillige Feuerwehr "KÖTÉL" in Kaposvár

    

Vielen Dank den Spendern !